Gotenhafen

Ortsgeschichte

Gotenhafen

Von Gotenhafen über Saßnitz nach Eckernförde — die Flucht der Familie am Tag des Untergangs der „Wilhelm Gustloff“, Ende Januar 1945.

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Kein Wohnort, sondern eine Station. Anders als bei den anderen Ortsseiten geht es hier nicht um Generationen an einem Ort, sondern um einen einzigen Tag: die Flucht von Walter und Margarete Brandt Ende Januar 1945.

Am 30. Januar 1945 verließen sowohl die „Wilhelm Gustloff“ als auch das Walfangmutterschiff „Walter Rau“ den Hafen Gotenhafen. Die Familie war an Bord der Walter Rau — dieselbe Entscheidung, die bei der Gustloff über 9.000 Menschen das Leben kostete, bedeutete hier die Rettung. Ein Foto des Schiffsmodells aus dem Deutschen Schifffahrtsmuseum Bremerhaven steht im Abschnitt „Das Walfangmutterschiff Walter Rau“ weiter unten im Fenster.

Über lebende Personen steht hier nichts. Wer noch lebt, erscheint auf dieser Seite überhaupt nicht.

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Ortsgeschichte

Gotenhafen

Von Gotenhafen über Saßnitz nach Eckernförde — die Flucht der Familie am Tag des Untergangs der „Wilhelm Gustloff“

Ende Januar 1945 — der große Evakuierungshafen

Gotenhafen (heute Gdynia, Polen) war Ende Januar 1945 der wichtigste Einschiffungshafen der „Operation Hannibal“ — der größten Seeevakuierung der Geschichte. Nachdem die Rote Armee Ostpreußen bis zum 26. Januar 1945 fast vollständig abgeschnitten hatte, ließ Großadmiral Karl Dönitz Hunderttausende Flüchtlinge über die Ostsee nach Westen bringen: Zwischen Januar und Mai 1945 waren es zwischen 800.000 und 900.000 Zivilisten und 350.000 Soldaten, verteilt auf 494 bis 1.080 Schiffe.

Walter und Margarete Brandt gehörten zu diesen Flüchtlingen. Sie kamen aus dem Raum Elbing, wo Walter im Werkschutz der Schichau-Werke gearbeitet hatte, und erreichten mit ihren Kindern Ende Januar 1945 Gotenhafen — den Hafen, der für viele Familien aus dem Danziger Raum die letzte Station vor der Überfahrt war. Der Weg über diesen Hafen lag nahe: Walter Brandt hatte 1929 in Zoppot gewohnt, dem Nachbarort von Gotenhafen; seine Frau Margarete Westphal stammte aus Danzig-Schidlitz.

„Wir wollten auf die Gustloff, kamen aber auf die Walter Rau“

In der Familie wird bis heute erzählt, was am 30. Januar 1945 geschah. An diesem Tag liefen aus Gotenhafen mehrere Schiffe aus, die für die Evakuierung vorgesehen waren — darunter die Wilhelm Gustloff und das Walfangmutterschiff Walter Rau.

Die Wilhelm Gustloff verließ den Hafen gegen Mittag, überfüllt mit schätzungsweise über 10.000 Menschen. Am Abend desselben Tages wurde sie vom sowjetischen U-Boot S-13 vor der pommerschen Küste torpediert und sank innerhalb einer Stunde — mit bis zu 9.500 Toten die folgenschwerste Schiffskatastrophe der Geschichte.

Die Walter Rau lief am selben Tag ebenfalls aus Gotenhafen aus, mit Kurs auf Saßnitz. An Bord waren nach den Aufzeichnungen des Historischen Marinearchivs rund 3.300 Menschen — 3.100 Zivilisten, 100 Schwerverwundete, 100 Soldaten. Walter und Margarete Brandt waren mit ihren Kindern darunter.

Welches Schiff die Familie ursprünglich nehmen wollte oder ob die Erinnerung an die Gustloff sich erst im Rückblick an das Datum knüpfte, lässt sich heute nicht mehr sicher rekonstruieren. Sicher ist: Der Unterschied zwischen den beiden Schiffen war an diesem Tag der Unterschied zwischen Leben und Tod.

Das Walfangmutterschiff Walter Rau

Modell des Walfangmutterschiffs Walter Rau, Deutsches Schifffahrtsmuseum Bremerhaven
Modell der „Walter Rau“, Deutsches Schifffahrtsmuseum Bremerhaven.
Foto: Zandcee, Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 4.0.

Die Walter Rau war kein Passagierschiff, sondern ein Walfangmutterschiff, 1937 gebaut, mit 13.751 BRT eines der größeren Schiffe seiner Art. Sie gehörte den Neusser Ölwerken und war nach ihrem Gründer benannt, dem Ölmühlenbesitzer Walter Rau, der eine der ersten deutschen Walfangflotten der Zwischenkriegszeit aufbaute — vor dem Krieg fing sie im Südatlantik Wale, deren Öl in der Lebensmittel- und Seifenindustrie verarbeitet wurde.

Ab März 1945 wurde sie offiziell als Verwundetentransporter der Kriegsmarine eingesetzt, faktisch beförderte sie auf allen Fahrten überwiegend Flüchtlinge. Nach den Aufzeichnungen des Historischen Marinearchivs rettete sie auf mehreren Fahrten zwischen Gotenhafen, Kopenhagen, Hela und Swinemünde insgesamt rund 18.890 Menschen. Am 4. Mai 1945, vier Tage vor Kriegsende, wurde sie vor Eckernförde bei einem Bombenangriff versenkt — ohne Todesopfer, da sie zu diesem Zeitpunkt bereits entladen war.

Über Saßnitz nach Eckernförde

Nach den Einsatzaufzeichnungen lief die Walter Rau am 30. Januar zunächst Saßnitz auf Rügen an und setzte von dort die Fahrt weiter nach Eckernförde fort, wo die Flüchtlinge am 1. Februar 1945 von Bord gingen — rund 3.200 Menschen, wie eine Funkmeldung vom selben Tag festhält. Die Familie erinnert beide Namen, Saßnitz wie Eckernförde; welcher Ort für sie die tatsächliche Ausschiffung war, ist nicht mehr sicher zu klären, entspricht aber genau dem dokumentierten Fahrtverlauf des Schiffs.

Saßnitz selbst wurde in den folgenden Wochen zu einem der wichtigsten Ausweichhäfen der Flüchtlingsevakuierung, nachdem das überlastete Swinemünde immer mehr Schiffe nicht mehr aufnehmen konnte. In der Nacht vom 6. auf den 7. März 1945 traf ein britischer Bombenangriff den Hafen und die dort ankernden Schiffe schwer — zu diesem Zeitpunkt war die Familie bereits fünf Wochen zuvor durchgereist.

Hochschwanger auf der Flucht

Margarete Brandt war zum Zeitpunkt der Überfahrt hochschwanger. Das jüngste Kind der Familie kam erst nach der Ankunft im Westen zur Welt, fernab von Danzig und Gotenhafen.

Die Familie kam schließlich nach Mönchengladbach, wo Walter und Margarete Brandts Sohn Hermann Brandt, als Sechsjähriger mit auf der Flucht, aufwuchs und später eine eigene Schlosserei in Pongs führte. Über ihn führt die Linie zu Olaf Brandt.

Quellen
  • Historisches Marinearchiv, Projekt „Ostseeflucht“ — Datensatz Walter Rau — Baujahr, Tonnage, Reederei, Einsatzstatistik, Fahrt vom 30.01.–01.02.1945 Gotenhafen–Saßnitz–Eckernförde mit Passagierzahlen, Verlust am 04.05.1945 vor Eckernförde
  • Operation Hannibal — Wikipedia — Gesamtrahmen der Evakuierung, Ausfahrt von Wilhelm Gustloff, Hansa und Walter Rau am 30. Januar 1945 aus Gotenhafen, Größenordnung der Operation
  • Alliierter Bombenangriff auf Sassnitz — Ortschroniken Mecklenburg-Vorpommern — Saßnitz als Ausweichhafen ab Ende Februar 1945, Bombenangriff in der Nacht vom 6. auf den 7. März 1945
  • Familienüberlieferung — „Wir wollten auf die Gustloff, kamen aber auf die Walter Rau“ — Mündlich überlieferte Erzählung der Flucht, weitergegeben in der Familie
  • Eigener Stammbaum — Personendaten, Lebensstationen von Walter Brandt und Margarete Westphal, Geburt des jüngsten Kindes nach der Ankunft im Westen