Wickrathberg
Kein Wohnort, sondern eine Zuflucht: das Dorf hinter der Landesgrenze, in dem die Odenkirchener taufen ließen, was ihnen zu Hause verboten war — hundertachtundzwanzig Jahre lang.
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Wie diese Seite zu lesen ist
Der Zeitstreifen zeigt hier etwas anderes als sonst. Von den 29 Personen wurden nur fünf in Wickrathberg geboren und drei sind hier gestorben. Die übrigen einundzwanzig erscheinen ausschließlich wegen einer einzigen Amtshandlung — fast immer einer Taufe. Sie haben hier nicht gelebt, sie sind hierher gegangen.
Der Grund steht auf der Nachbarseite. In Odenkirchen war der reformierte Gottesdienst von 1627 bis 1755 verboten. Was das im Alltag bedeutete, lässt sich an den Odenkirchener Taufeinträgen ablesen — und hier an ihrem Ziel.
Die Wege sind nachgemessen. Nicht „zwei Wegstunden“, wie es die Überlieferung wollte, sondern je nach Wohnort 1,9 bis 6,3 Kilometer. Die beiden Kurzbiografien mit den alten Angaben sind berichtigt.
Über lebende Personen steht hier nichts. Wer noch lebt, erscheint auf dieser Seite überhaupt nicht.
Die ganze Ortsgeschichte Wickrathberg als FließtextDerselbe Text wie oben — zum Lesen ohne die interaktive Ansicht, zum Ausdrucken und Durchsuchen. Dazu alle Personen des Ortes und die Quellen.
Wickrathberg
Kein Wohnort, sondern eine Zuflucht — das Dorf, in dem die Odenkirchener taufen ließen, was sie zu Hause nicht durften
Ein Ort, an dem die Familie nicht wohnte
Wickrathberg ist der einzige Ort dieses Archivs, der fast ausschließlich über ein einziges Ereignis im Leben von Menschen auftaucht.
29 Personen sind hier verzeichnet. Aber nur fünf von ihnen wurden hier geboren und nur drei sind hier gestorben. Einundzwanzig kommen ausschließlich durch eine Amtshandlung vor — und fast immer ist es eine Taufe.
Das ist kein Zufall der Überlieferung, sondern der Kern der Sache. Die Menschen dieser Familie lebten in Odenkirchen, in Sasserath, in Geistenbeck. Nach Wickrathberg kamen sie an einem einzigen Tag: dem Tag, an dem ihr Kind getauft werden musste. Danach gingen sie wieder nach Hause.
Diese Seite erzählt deshalb keine Ortsgeschichte im üblichen Sinn, sondern die Geschichte eines Ausweichens.
Reichsunmittelbar seit 1488
Wickrathberg gehörte zur Herrschaft Wickrath, und die war ein Sonderfall: 1488 erhob Kaiser Maximilian I. sie zur reichsunmittelbaren Herrschaft — sie unterstand also keinem Herzog und keinem Erzbischof, sondern unmittelbar dem Reich. Zunächst kam sie an Heinrich von Hompesch; nach dessen Tod um 1502 ging sie an die Familie Quadt, die 1752 in den Reichsgrafenstand erhoben wurde. Erst 1794, mit dem Einmarsch der Franzosen, endete diese Eigenständigkeit nach mehr als dreihundert Jahren.
Und wie in Rheydt entschied auch hier der Landesherr über das Bekenntnis: Die Quadt wurden Mitte des 16. Jahrhunderts protestantisch — was sie in Spannung zur katholisch gebliebenen Bevölkerung ihres eigenen Gebiets brachte.
Für die Odenkirchener Reformierten fünf Kilometer weiter war genau das entscheidend. Wickrathberg lag hinter einer Grenze, über die der Kölner Erzbischof nicht hinausreichte.
Die älteste Kirche der Stadt
Die evangelische Kirche in Wickrathberg ist die älteste Kirche im heutigen Mönchengladbacher Stadtgebiet. Ein steinerner Vorgängerbau steht schon im 11. Jahrhundert; um 1200 wurde die Kirche dem heiligen Nikolaus geweiht. Im 15. Jahrhundert wurde sie erhöht und eingewölbt, der Chor bekam ein gotisches Sterngewölbe.
Um 1530 ging die Gemeinde zum reformierten Bekenntnis über, 1569 wurde die Kirche zur Hauskirche der Herren Quadt. Im 18. Jahrhundert erhielt der einsturzgefährdete Turm ein neues Fachwerk mit barocker Haube; aus den 1770er Jahren stammt die Rokokoausstattung, und 1770 baute Jacob Engelbert Teschemacher die Orgel. Zwei spätmittelalterliche Glocken von Johann von Venlo hängen bis heute im Turm — die größere, eine Marienglocke von 1449, misst 130 Zentimeter.
Sie gilt als die besterhaltene Kirche am linken Niederrhein — und ausdrücklich als Zufluchtskirche für die Reformierten der ganzen Umgebung. Was in der Denkmalbeschreibung ein Halbsatz ist, steht in diesem Stammbaum als Liste von Namen.
Warum sie hierher kamen
Der Grund liegt fünf Kilometer weiter östlich. 1627 ließ der Kölner Erzbischof Odenkirchen militärisch besetzen und den katholischen Gottesdienst wieder einführen; reformierte Gottesdienste standen fortan unter Strafe. Diese Zeit — die „Gemeinde unter dem Kreuz“ — dauerte bis zum Religionsvergleich von 1755, also hundertachtundzwanzig Jahre.
Wer in dieser Zeit in Odenkirchen ein Kind bekam und es reformiert taufen lassen wollte, hatte zwei Möglichkeiten: Rheydt, die reformierte Herrschaft im Norden — oder Wickrathberg, die reichsunmittelbare Herrschaft im Süden. Beide lagen außerhalb der Reichweite Kurkölns.
Die Odenkirchener nutzten beide. Von 29 Taufen Odenkirchener Kinder vor 1755 fanden 19 in Rheydt und 9 in Wickrathberg statt. Mehr dazu steht auf der Seite zu Odenkirchen; hier geht es um die neun.
Die Taufen, aufgezählt
Es sind keine anonymen Zahlen. Diese Menschen wurden in Wickrathberg getauft, obwohl sie anderswo geboren waren:
Leonhard Steins, 9. November 1692 — geboren in Odenkirchen-Sasserath.
Wilhelmine Reuen, 28. März 1697 — Odenkirchen.
Georg Bredahl, 25. Mai 1706 — Odenkirchen.
Mathias Laufs, 3. April 1712 — Odenkirchen.
Maria Kehren, 11. August 1715 — Odenkirchen.
Albert Schmitz, 10. Juni 1719 — Odenkirchen-Geistenbeck.
Peter Vits, 28. Januar 1720 — Odenkirchen.
Johannes Steins, 27. August 1730 — Odenkirchen-Sasserath.
Heinrich Köllges, 3. März 1739 — Odenkirchen.
Dazu kommen die Kinder aus dem eigenen Kirchspiel und seiner Nachbarschaft: Wilhelm Camphausen (1694, aus Otzenrath), Johannes Kehren (1681, aus Wickrath), Anna Kessel (1704) und Sibylla Katharina Roelen (1746, beide aus Buchholz), Johannes Schnitzler (1719) und Heinrich Schnitzler (1745, beide aus Beckrath).
Ein Eintrag fällt aus der Reihe: Sibylla Bähren wurde 1720 in Rheydt geboren und trotzdem am 3. Mai in Wickrathberg getauft — obwohl Rheydt eine eigene reformierte Kirche hatte und niemanden zum Ausweichen zwang. Warum, ist offen. Möglich ist eine Familienbindung nach Wickrathberg; sicher ist es nicht.
Der Weg — nachgemessen
In der Familienüberlieferung ist dieser Weg lang geworden: „zwei Wegstunden“, „gut fünf Kilometer“. Nachgemessen an den Ortskoordinaten stimmt das nicht ganz — und die Wahrheit ist interessanter als die Legende, weil sie die Wege unterscheidet:
Von Sasserath sind es 1,9 Kilometer — eine gute halbe Stunde zu Fuß. Die Steins hatten es am nächsten.
Von Odenkirchen selbst 3,5 Kilometer, eine knappe Dreiviertelstunde.
Von Geistenbeck 4,2 Kilometer, knapp eine Stunde.
Von Rheydt dagegen 6,3 Kilometer — anderthalb Stunden, und deshalb ging von dort auch kaum jemand nach Wickrathberg.
Es waren also keine Gewaltmärsche. Aber es war auch nicht nichts: Peter Vits wurde am 28. Januar getauft, Leonhard Steins am 9. November, Johannes Kehren im Juli. Der Weg wurde mit einem wenige Tage alten Kind gegangen, bei jedem Wetter, hin und zurück — und er wurde gegangen, weil die kürzere Strecke zur eigenen Kirche verboten war.
Die beiden Kurzbiografien im Archiv, die noch die alten Entfernungsangaben trugen, sind entsprechend berichtigt.
1755 — der Strom versiegt
Das Ende dieser Praxis lässt sich in den Daten genau ablesen. Die letzte Taufe eines Odenkirchener Kindes in Wickrathberg ist die des Heinrich Köllges am 3. März 1739. Danach findet sich kein einziger Odenkirchener mehr in diesen Einträgen.
Was nach 1755 noch an Wickrathberger Taufen im Archiv steht, betrifft Menschen aus dem eigenen Kirchspiel: Sibylla Katharina Roelen aus Buchholz (1746), Anna Elisabeth Kremers (1777). Die Odenkirchener blieben zu Hause — ihre erste Taufe am eigenen Ort ist am 18. Juli 1756 verzeichnet, ein Jahr nach dem Religionsvergleich.
Zwei Orte, zwei Kirchenbücher, und dazwischen ein Vertrag: Der eine Strom hört auf, der andere fängt an. Deutlicher kann eine Verwaltungsentscheidung in Familiendaten kaum sichtbar werden.
Wer wirklich hier lebte
Fünf Menschen dieses Baums stammen tatsächlich aus Wickrathberg.
Tönis Dackweiler (1600 – 1687) ist der älteste. Er war Halfmann auf dem Dürselner Hof — ein Halfmann bewirtschaftete einen Hof gegen die Hälfte des Ertrags, ohne ihn zu besitzen. Gestorben ist er in Dürselen, dem Weiler, der einer weiteren Familie dieses Baums den Namen gab.
Johann Kremers (*1655) und Gerhard Adam Schnitzler (1683–1739), der 1712 in Wickrathberg Eva Goelen heiratete, gehören zum Kirchspiel selbst — die Kremers stellen mit fünf Einträgen die häufigste Familie dieses Ortes, die Schnitzler ebenfalls fünf.
Am Ende der Reihe stehen Sibylla Katharina Schnitzler (1801–1838) und Ida Kamphausen (1846–1915), die 1868 in Wickrath den Friedrich Potz heiratete und in Mönchengladbach starb — der letzte Wickrathberger Eintrag des Archivs.
Das Schloss der Grafen
Zur Herrschaft gehörte ein Schloss, und seine Geschichte erklärt nebenbei, wie wohlhabend diese kleine Reichsherrschaft war. Die alte Burg brannte 1745 ab; an ihrer Stelle entstand von 1746 bis 1772 ein barockes Schloss Wickrath — gebaut in denselben Jahrzehnten, in denen die Wickrathberger Kirche ihre Rokokoausstattung und ihre Orgel bekam.
Mit der Reichsunmittelbarkeit endete auch die Rolle des Schlosses. Unter preußischer Herrschaft diente es als Kavalleriekaserne, bis diese 1834 aufgelöst wurde.
Die Vorfahren dieser Familie haben von alldem vermutlich wenig mitbekommen. Für sie zählte, dass die Grafen reformiert waren und ihre Kirche offenstand.
Was geblieben ist
1794 beendeten die Franzosen die Reichsunmittelbarkeit; das Gebiet kam zum Département de la Roer, 1815 an Preußen und 1975 zu Mönchengladbach. Wickrathberg ist heute ein Ortsteil im Süden der Stadt.
Die Kirche steht noch, mit ihrer barocken Turmhaube, der Rokokoausstattung und der Glocke von 1449. Wer hineingeht, steht in dem Raum, in dem neun Kinder dieser Familie getauft wurden, deren Eltern dafür aus einem anderen Territorium herkommen mussten.
Für diesen Stammbaum ist Wickrathberg deshalb kein Heimatort, sondern ein Beleg. Er misst in Kilometern, was ein Verbot gekostet hat — und er hört genau in dem Jahr auf, in dem das Verbot fiel.
Aus dem Archiv sind 5 Menschen mit eigener Seite hier geboren oder gestorben — nach Geburtsjahr geordnet.
- Tönis Dackweiler 1600–1687
- Gerhard Adam Schnitzler 1683–1739
- Peter Dieker 1685–1756
- Peter von Gehlen 1695–1764
- Sibylla Katharina Schnitzler 1801–1838
- Wickrathberger Kirche — Wikipedia — Weihe an den heiligen Nikolaus um 1200, älteste Kirche im Mönchengladbacher Stadtgebiet, Vorgängerbau 11. Jahrhundert, Sterngewölbe 15. Jh., reformiert im 16. Jh., 1569 Hauskirche der Quadt, barocke Turmhaube, Rokokoausstattung der 1770er, Teschemacher-Orgel 1770, Marienglocke von 1449, Zufluchtskirche der Reformierten der Umgebung
- Wickrath — Wikipedia — Reichsunmittelbarkeit 1488 durch Maximilian I., Heinrich von Hompesch, Quadt ab 1502, Reichsgrafen 1752, protestantisches Bekenntnis der Quadt, Schloss Wickrath 1746–1772 nach dem Brand von 1745, Kavalleriekaserne bis 1834, französische Zeit ab 1794, Eingemeindung 1975
- Historie — Evangelische Kirchengemeinde Odenkirchen — „Gemeinde unter dem Kreuz" 1627–1755, Ausweichen nach Rheydt und Wickrathberg, Religionsvergleich 1755
- Aufstellungen der Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde (WGfF), Bezirksgruppe Mönchengladbach — Tauf- und Traudaten der in Wickrathberg eingetragenen Familienmitglieder (Steins, Vits, Bähren, Köllges, Schmitz, Reuen, Kehren, Laufs, Bredahl, Schnitzler, Roelen, Kremers, Kessel, Camphausen)
- Frank Heidermanns, Ahnendatenbank (heidermanns.net) — Tönis Dackweiler als Halfmann auf dem Dürselner Hof, Kremers- und Schnitzler-Linien
- Eigene Berechnung aus den Ortskoordinaten des Archivs — Entfernungen nach Wickrathberg: Sasserath 1,9 km, Odenkirchen 3,5 km, Geistenbeck 4,2 km, Rheydt 6,3 km (Luftlinie)
- Eigener Stammbaum — 29 Personen mit Wickrathberg-Bezug, davon 5 dort geboren und 3 dort gestorben; Tauf- und Traudaten