Hermann Brandtgesichert
Hermann Brandt (*1886) war der Bruder von Walter Brandt und damit Olafs Großonkel — nicht zu verwechseln mit Olafs Vater Hermann Brandt (*1938). Er arbeitete als Wachtmeister in einer Strafanstalt in Danzig, zuletzt als Strafanstalts-Hauptwachtmeister, und wohnte am Schützengang 6 in Danzig. 1929 war er Trauzeuge bei der Hochzeit seines Bruders Walter mit Margarete Westphal in Zoppot. Ob er auch im Ersten Weltkrieg diente — als Gefreiter im Reserve-Infanterie-Regiment 34 —, ist gut möglich, aber nicht zweifelsfrei belegt; dazu mehr unter „Erzählte Geschichten“. Nach mündlicher Familienüberlieferung kam er am Ende des Zweiten Weltkriegs im Gefängnis in Danzig ums Leben.
Eltern Friedrich Brandt (?–1929) · Luise Neuber (?–1929)
Geschwister Auguste Brandt · Paul Brandt · Robert Brandt · Robert Friedrich Brandt (1897–?) · Walter Brandt (1898–1962)
- 1929WohnortZoppot
- 1929 bis 1938WirkungsortStrafanstalt Danzig (Schiessstange)
- 1942WirkungsortStrafanstalt Danzig (Schiessstange)
- 1937 bis 1942WohnortDanzig, Schuetzengang 6
Trauzeuge bei der Hochzeit seines Bruders 1929
Als vierter Trauzeuge unterschrieb er die Heiratsurkunde seines jüngeren Bruders Walter. Der Standesbeamte vermerkte, er sei „der Persönlichkeit nach durch seinen Reisepaß bekannt“ — er wies sich also mit einem Pass aus, nicht durch einen ortsbekannten Zeugen. Zugleich bürgte er für den zweiten Trauzeugen, den zweiundzwanzigjährigen Gärtner Kurt Segler, der „durch den Zeugen zu 4“ bekannt war.
Heiratsurkunde Nr. 102 vom 17.08.1929, Standesamt Zoppot (Archiwum Państwowe w Gdańsku)
Ein Haus voller Strafanstaltsbeamter 1937
Der Schützengang 6 war kein gewöhnliches Mietshaus, sondern ein Dienstwohnhaus der Strafanstaltsbeamten. 1937/38 wohnten dort außer ihm die Strafanstalts-Oberwachtmeister Artur Gerlach, Johann Lippok und Anton Tuszynski sowie Hauptwachtmeister Franz Winnat; im Nachbarhaus weitere Beamte der Anstalt und der Rentmeister Pawlowski. 1942 wohnten Gerlach und Lippok noch immer dort. Im Straßenverzeichnis folgt auf den Schützengang unmittelbar die Schießstange — die Adresse der Strafanstalt, heute ul. Kurkowa.
Danziger Einwohnerbücher 1937/38 und 1942, jeweils Straßenteil Schützengang 6
Vom Ober- zum Hauptwachtmeister 1942
Zwischen den beiden Adressbüchern liegt eine Beförderung: 1937/38 steht er als „Strafanstalts-Oberwachtmstr.“, 1942 als „Strafanstalts-Hauptwachtmstr“ — bei unveränderter Anschrift. Der Aufstieg erfolgte also zwischen 1938 und 1942. Es ist der letzte Nachweis seines Lebens, der sich datieren lässt.
Danziger Einwohnerbuch 1942, Straßenteil Schützengang 6
Tod 1945
Ein Sterbeeintrag ist nicht gefunden; Todesjahr und -ort beruhen allein auf der Familienüberlieferung. Die Zivilverschollenenliste des DRK-Suchdienstes Hamburg wurde am 1. September 2026 eingesehen: Im Abschnitt „Danzig Gefängnis Schießstange“ stehen rund 97 Namen, Hermann Brandt ist nicht darunter. Das ist allerdings kein Gegenbeweis — die Liste verzeichnet ausschließlich Zivilisten, sie beruht auf Suchanfragen von Angehörigen, und ihre Einträge datieren überwiegend nach der Einnahme der Stadt.
DRK-Suchdienst Hamburg, Zivilverschollenenliste N-Lgl-, Bd. E, Abschnitt „Danzig Gefängnis Schießstange“ (Bekundungen 1945 und 1946)
Vermisst in der Winterschlacht in Masuren 1915

In den digitalisierten Verlustlisten des Ersten Weltkriegs taucht ein Hermann Brandt aus Danzig auf, Reserve-Infanterie-Regiment 34: am 29. März 1915 als vermisst gemeldet, ein Jahr später, im April 1916, als kriegsgefangen bestätigt. Im Original steht sogar sein Dienstgrad, der in der abgetippten Datenbank fehlt: Gefreiter.
Das Regiment gehörte zur 3. Reserve-Division, die 1914 als Teil der 8. Armee eine einzige Aufgabe hatte: die Verteidigung Ostpreußens gegen die russische Armee. Die Division kämpfte bei Gumbinnen (19.–20. August 1914), Tannenberg (21.–31. August 1914), der Schlacht an den Masurischen Seen (5.–15. September 1914) und der Winterschlacht in Masuren (Februar 1915) — einer chaotischen Schlacht mit vielen Gefangenen auf beiden Seiten, unter anderem der Einkesselung russischer Truppen im Augustów-Wald.
Hermanns Vermisstmeldung vom 29. März 1915 fällt genau in die Nachwirkung dieser Schlacht. Ein Mann aus Danzig/Ostpreußen, der in einer Division kämpft, deren einzige Aufgabe die Verteidigung genau seiner Heimatprovinz war, und der genau in dieser Phase als vermisst gilt — das Bild passt auffällig gut zusammen.
Zweifelsfrei beweisen lässt sich das ohne Geburtsdatum in der Quelle nicht: Der Name ist nicht selten genug für einen hundertprozentig sicheren Treffer. Aber Alter (28 Jahre bei Kriegsbeginn), Heimatort und das Einsatzgebiet der Division sprechen stark dafür, dass es sich um denselben Hermann Brandt handelt, der 1929 als quicklebendiger Trauzeuge bei der Hochzeit seines Bruders Walter auftrat.Verlustlisten Deutsches Reich 1. Weltkrieg (des.genealogy.net), historisch eingeordnet
Schützengang 6 1929–1945
Als Hermann Brandt am 17. August 1929 in Zoppot als Trauzeuge bei der Hochzeit seines jüngeren Bruders Walter unterschreibt, trägt der Standesbeamte seinen Beruf ein: Strafanstalts-Oberwachtmeister, 43 Jahre alt, wohnhaft in Zoppot. Er war da schon kein Anfänger mehr. Er diente im Strafvollzug der Freien Stadt Danzig — einem Völkerbundsmandat mit eigener Verfassung, eigener Justiz, eigenem Gefängniswesen. Die NSDAP war dort noch eine Splitterpartei.
Acht Jahre später steht er im Danziger Einwohnerbuch 1937/38: „Brandt, Hermann, Strafanstalts-Oberwachtmstr., Schützengang 6.“ 1942 wieder, dieselbe Adresse, ein Dienstgrad höher: Hauptwachtmeister. Das Haus Schützengang 6 war ein Dienstwohnhaus der Strafanstaltsbeamten — im selben Haus wohnten die Oberwachtmeister Artur Gerlach, Johann Lippok und Anton Tuszynski, im Nachbarhaus weitere Beamte der Anstalt. Und im Straßenverzeichnis folgt auf den Schützengang unmittelbar die Schießstange: die Adresse des Gefängnisses, heute ul. Kurkowa.
Kein Arbeitsweg. Eine Mauer, eine Straße weiter.
Was sich zwischen 1929 und 1937 änderte, war nicht sein Beruf. Es war der Staat, für den er ihn ausübte. Die Anstalt war im Zweiten Weltkrieg das Bezirksgefängnis für Danzig und Westpreußen. Von den rund 4.500 Polen, die zwischen dem 1. und 3. September 1939 in Danzig verhaftet wurden, kamen über 800 dorthin, darunter die Verteidiger der Polnischen Post; von dort gingen Verlegungen in Konzentrationslager und an die Mordstätten Piaśnica und Szpęgawsk. 29.500 Menschen durchliefen die Anstalt, über 500 kamen ums Leben — die polnische Anstaltsgeschichte nennt als Ursachen die Vernehmungen, die Haftbedingungen und das Fallbeil.
Was Hermann Brandt dort getan hat, ist nicht überliefert. Es gibt keine Personalakte, keine Dienstliste, keine Aussage. Ein Hauptwachtmeister ist Aufsichtsbeamter im laufenden Dienst, kein Vernehmer und kein Richter. Aber 29.500 Menschen gehen nicht an einem vorbei, der Tür an Tür wohnt. Mehr lässt sich nicht sagen — weniger allerdings auch nicht.
Und dann bricht die Überlieferung ab. In der Familie heißt es, Hermann sei am Kriegsende dort umgekommen; es sei damals geplant gewesen, die Gefangenen freizulassen. Die Anstaltsgeschichte verzeichnet für genau diese Wochen: Ab Februar 1945 scheiterten die Räumungsversuche, eine Woche vor Eintreffen der Front saßen noch über 600 Gefangene ein, ein blutig verlaufender Aufstand öffnete die Tore, die Mehrheit kam frei. Am 27. März 1945 nahm die Rote Armee das Gefängnis ein.
Eine Erinnerung, über achtzig Jahre weitergereicht, trifft einen dokumentierten Vorgang. Wie Hermann Brandt starb, sagt sie trotzdem nicht. Es gibt keinen Sterbeeintrag. In der Zivilverschollenenliste des DRK-Suchdienstes zum Gefängnis Schießstange steht er nicht — dort stehen allerdings nur Zivilisten, gemeldet von suchenden Angehörigen, und überwiegend Todesfälle der Nachkriegsmonate. Es ist die falsche Liste, kein Gegenbeweis.
Seine Frau Jenny floh nach Westen zur Familie nach Mönchengladbach und verbrachte ihre letzten Jahre in Bonn. Ihr Geburtsname ist unbekannt, ihr Sterbedatum auch. Geblieben ist ein Foto von einer Weihnachtsfeier.Standesamt Zoppot, Heiratsurkunde Nr. 102/1929 · Danziger Einwohnerbücher 1937/38 und 1942 · Encyklopedia Gdańska, „Areszt Śledczy w Gdańsku“ · Areszt Śledczy w Gdańsku (Służba Więzienna), Anstaltsgeschichte · DRK-Suchdienst Hamburg, Zivilverschollenenliste Bd. E · Familienüberlieferung
Am Galgen vorbei — Dokumentation · 25 Minuten 50
Wie Walter Brandt im Januar 1945 in Elbing vor ein Standgericht der eigenen Leute geriet — und wie zwei Kinder aus Danzig herauskamen.
- Personenstands-Zweitschriften der ehemaligen deutschen Ostgebiete (Standesamt I Berlin) — Heiratsurkunde Zoppot Nr. 102/1929: '43 Jahre alt' (August 1929); Berufsangabe als Trauzeuge, Heiratsurkunde Zoppot Nr. 102/1929; Trauzeuge Nr. 4 bei der Ehe seines (vermutl.) Bruders Walter, 17.08.1929 (Urkunde)
- Familienueberlieferung der muetterlichen Linie — Muendliche Ueberlieferung: 'am Ende des Zweiten Weltkriegs im Gefaengnis in Danzig umgekommen' (Überlieferung)
- Danziger Einwohnerbuch (Adressbuch) mit Vororten und Zoppot — Danziger Einwohnerbuch 1937/38, Namens- und Strassenteil: 'Brandt, Hermann, Strafanstalts-Oberwachtmstr., Schuetzengang 6'; Danziger Einwohnerbuch 1942, Strassenteil Schuetzengang 6: 'Brandt Hermann Strafanstalts-Hauptwachtmstr'; Danziger Einwohnerbuecher 1937/38 und 1942, jeweils Strassenteil Schuetzengang 6 (Sekundärquelle)
Hermann Brandt d.Ae. – Bruder von Walter Brandt (nicht zu verwechseln mit Olafs Vater Hermann Brandt *1938)
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