Walter Brandt (1898–1962)

Walter Brandtgesichert

1898–1962 · Kurau → Mönchengladbach · Schneidergeselle (1929)

Walter Brandt wurde 1898 in Kurau, Kreis Braunsberg (Ostpreußen) geboren. Als Sechzehn- bis Zwanzigjähriger gehörte er dem Jahrgang an, der ab 1916 zum Militärdienst im Ersten Weltkrieg herangezogen wurde — nach Kenntnis der Familie hat er dort gekämpft, Dokumente dazu sind jedoch nicht erhalten. 1929 heiratete er in Zoppot Margarete Westphal und arbeitete als Schneidergeselle. In Elbing (Ostpreußen), wohin die Familie in den 1930er Jahren zog, sattelte er um: Er ließ sich zum Kupferschmied umschulen und arbeitete im Schiffbau der Schichau-Werke — einer der größten deutschen Werften, die im Zweiten Weltkrieg U-Boote und Zerstörer für die Kriegsmarine baute. Später gehörte er zum Werkschutz der Werft. Als seine Frau und die jüngeren Kinder Ende Januar 1945 mit dem Walfangschiff „Walter Rau“ über die Ostsee flohen, blieb er zurück — als Werftarbeiter war er dienstverpflichtet. Er gelangte später nach Dänemark und kam dort in Kriegsgefangenschaft. Seine letzten Jahre verbrachte er in Mönchengladbach, wo sich die Familie nach der Flucht niederließ; dort starb er 1962 mit 63 Jahren. Seine Frau überlebte ihn um fünfundzwanzig Jahre.

Familie

Eltern Friedrich Brandt (?–1929) · Luise Neuber (?–1929)

Heirat Margarete Martha Westphal (1905–1987) — 17. August 1929, Zoppot (Freie Stadt Danzig)

Kinder Christa Brandt (1939–2023) · Elfriede Brandt (1933–2014) · Ewald Brandt (1937–2014) · Lebende Person · Lebende Person · Herbert Brandt (1936–2011) · Hermann Brandt (1938–2019) · Lebende Person · Lebende Person · Lebende Person · Siegfried Brandt (1941–2014)

Geschwister Auguste Brandt · Hermann Brandt (1886–1945) · Paul Brandt · Robert Brandt · Robert Friedrich Brandt (1897–?)

Lebensstationen
  • Januar 1945EreignisZurückgeblieben, als die Familie floh — als Werftarbeiter dienstverpflichtet (Elbing/Danzig)
  • 1945EreignisKriegsgefangenschaft in Dänemark
  • 1929WohnortZoppot (Freie Stadt Danzig)
  • BesitzGrundvermögen und Landwirtschaftsvermögen in Elbing (Ostpreußen)
  • 1930WohnortElbing, Adlerstrasse 16
  • 1930erBerufUmschulung zum Kupferschmied, Schiffbau der Schichau-Werke, Elbing
  • 1944–1945BerufWerkschutz der Schichau-Werke, Elbing
Was die Urkunden zusätzlich sagen

Heirat 1929

Getraut wurde das Paar zweimal: standesamtlich am 17. August 1929 in Zoppot — und einen Tag später, am 18. August, kirchlich in der evangelischen Kirche zu Sobbowitz in der Freien Stadt Danzig, durch Pfarrer Bartlau. Sobbowitz liegt im Kreis Danziger Höhe, in derselben Gegend wie Lagschau, wo Margaretes Eltern lebten. Der Heiratsschein nennt Walter als Schneidergesellen und seinen Schwiegervater Heinrich Julius Westphal als Schmiedemeister.

Heiratsschein Nr. 102/1929, Standesamt Zoppot, Seite 5 „Die Trauung“ (Original in Familienbesitz)

Überlieferte Geschichte
Walter Brandt und seine Frau Margarete Martha, geb. Westphal
Walter Brandt und seine Frau Margarete Martha, geb. Westphal

„Da mache ich nicht mit“ — der Werkschutzmann ohne Parteibuch 1939–1945

Im Krieg bauten die Schichau-Werke in Elbing Zerstörer und U-Boote für die Kriegsmarine — eine der größten deutschen Werften. Walter Brandt arbeitete dort im Schiffbau: Gelernt hatte er das Schneiderhandwerk, in Elbing ließ er sich zum Kupferschmied umschulen.

Als die Front näher rückte, kam er zum Werkschutz der Werft — mit Uniform und Pistole. Zeitweise vertrat er den Wachführer, fest befördert wurde er aber nie: Dafür hätte er in die Partei eintreten und das Parteibuch unterschreiben müssen. Das lehnte er ab. „Da mache ich nicht mit“, so ist seine Antwort in der Familie überliefert. Einmal wurde er als Begleiter eines Gefangenentransports nach Danzig eingeteilt.

Seine Weigerung hatte einen Grund: Im Werk sah er, wie Gefangene behandelt wurden — Bilder, die ihm nach dem Krieg nicht mehr aus dem Kopf gingen und von denen er seinen Kindern erzählte. Einer seiner Söhne, der ihm als Junge mit der Straßenbahn das Mittagessen ins Werk brachte, hat manches selbst mit angesehen.

Beschrieben wird er als ein geselliger, verlässlicher Mann — einer, bei dem zu einer Gelegenheit oder wenn ein Kumpel vorbeikam auch eine Flasche geleert wurde, immer zum Helfen bereit und ohne großes Aufheben um die eigene Person. Und einer mit fester Überzeugung, der dabei blieb, auch als es unbequem wurde.Mündliche Überlieferung eines Sohnes, 2026 · historischer Rahmen: Schichau-Werke Elbing

Das letzte Schiff aus Elbing Januar 1945

Ende Januar 1945 lag Elbing unter Beschuss. Die sowjetische Großoffensive hatte am 12. Januar begonnen, und binnen weniger Tage war Ostpreußen vom Reich abgeschnitten. Für die Familie Brandt, die in der Stadt lebte und deren Vater auf der Schichau-Werft arbeitete, wurde es höchste Zeit.

Dabei war das Weggehen selbst verboten. Das Regime untersagte den Menschen, ihre Heimat zu verlassen — in Ostpreußen bis zuletzt, auf Betreiben des Gauleiters Erich Koch, der die Evakuierung erst freigab, als die Front schon da war. Wer trotzdem ging, riskierte, als Fahnenflüchtiger erschossen oder aufgehängt zu werden. In der Familie ist die Erinnerung geblieben, dass mitten in den Dörfern, auf den Marktplätzen, Menschen an Masten hingen. Das ist der Rahmen, in dem alles Folgende steht.

Walter Brandt setzte seine Frau Margarete Martha und die Kinder in Elbing auf ein Schiff Richtung Danzig. Sie war zu diesem Zeitpunkt hochschwanger — die jüngste Tochter kam im Juni 1945 zur Welt. Von Danzig aus sollten sie Gotenhafen erreichen, den großen Evakuierungshafen, und als Angehörige eines Werftarbeiters mit dem Geleit der „Wilhelm Gustloff“ in den Westen kommen. Wie es dann kam, steht in der Geschichte dieser Familie an anderer Stelle: Sie fuhren nicht auf der Gustloff.

Zwischen Elbing und Danzig gibt es eine Wasserverbindung, über den Elbinger Fluss und das Frische Haff. In der Familie heißt es, die letzten Schiffe seien aus Elbing abberufen worden — auch Ausflugsdampfer, die sonst Sommergäste fuhren — und hätten auf diesem Weg so viele Menschen wie möglich herausgebracht. Der Winter war bitterkalt; das Schiff war der bessere Weg als der Landweg.

Walter selbst blieb. Er war als Werftarbeiter dienstverpflichtet und musste weiterarbeiten, so lange es überhaupt ging. Erst als nichts mehr ging, kam er nach Danzig — nach dem, was er später erzählte, als Begleiter eines Gefangenentransports. Dort begann für ihn der schwerste Teil: Zwei seiner Kinder waren bei den Großeltern zurückgeblieben, und er musste sie herausholen.Mündliche Überlieferung, Gespräch in der Familie 2026 · historischer Rahmen: sowjetische Winteroffensive ab 12.01.1945, Evakuierungsverbot in Ostpreußen. Zur Datierung: Ende Januar 1945 war das Frische Haff zugefroren — der berühmte Fluchtweg dieser Wochen führte über das Eis. Die Abfahrt per Schiff dürfte deshalb etwas früher liegen, als die Erinnerung sie einordnet.

Zurückgeblieben — und um ein Haar aufgehängt 1945

Als Ende Januar 1945 seine Frau und die jüngeren Kinder in Gotenhafen an Bord gingen, war Walter Brandt nicht dabei. Er war als Werftarbeiter dienstverpflichtet und musste bleiben. „Der ist gar nicht mit dem Schiff — der musste ja seinen Dienst weitermachen“, sagt einer seiner Söhne dazu.

Zwei seiner Kinder waren wegen der Bombenangriffe zu den Großeltern nach Schönfeld bei Danzig geschickt worden und darum ebenfalls nicht auf dem Schiff. Sie holte er später selbst ab und brachte sie über den Werkshafen auf einen Frachter, mit dem sie in den Westen kamen.

Für ihn selbst wurde es gefährlich. Nach den schweren Bombardierungen war seine Dienststelle nicht mehr erreichbar; man hatte den Männern gesagt, sie sollten sich am nächsten Tag melden und sich bis dahin irgendwo unterstellen. Drei oder vier blieben zusammen — und wurden von der Feldgendarmerie aufgegriffen, von den Soldaten „Kettenhunde“ genannt, die nach Deserteuren suchte. Die Gruppe sollte auf der Stelle aufgehängt werden. Nur weil sie hartnäckig darauf drangen, ihre Dienstverpflichtung überprüfen zu lassen, kamen sie davon — nachprüfen ließ sich nichts, die Dienststelle war ausgebombt.

Am Ende gelangte Walter Brandt nach Dänemark und kam dort zunächst in ein Gefangenenlager. Der sowjetischen Gefangenschaft entging er damit.Mündliche Überlieferung eines Sohnes, 2026 — so, wie sein Vater es ihm später erzählt hat

Der Mann, der schon alles verloren hatte 1945

Zwei Kinder waren zurückgeblieben — bei den Westphal-Großeltern in Schönfeld, die nicht fliehen wollten. Walter Brandt wandte sich an einen Verwandten, den die Kinder Onkel Arnold nannten: Arnold Osterhaus, Oberingenieur in der Werksleitung der Schichau-Werke. Wie genau er zur Familie gehörte, wusste in der Familie später niemand mehr zu sagen.

Der Mann, den er da um Hilfe bat, hatte kurz zuvor selbst alles verloren: Seine Frau und seine Kinder waren an Bord der „Wilhelm Gustloff“ und kamen beim Untergang am 30. Januar 1945 ums Leben. Er selbst überlebte den Krieg.

Seine Antwort ist der Familie wörtlich in Erinnerung geblieben — kein Versprechen, aber auch keine Absage: Er könne nichts zusagen, wolle sich aber bemühen. Und Walter solle die Kinder schon einmal nach Danzig zu seinem Bruder bringen. Gemeint war Hermann Brandt, Walters älterer Bruder, Oberwachtmeister an der Strafanstalt an der Schießstange. Er und seine Frau Jenny wohnten am Schützengang 6 — die Adresse steht in beiden erhaltenen Danziger Einwohnerbüchern. Dort kamen die Kinder rund zwei Wochen unter. Dann brachte ihr Vater sie über den Werkshafen auf einen Frachter — die Passage hatte, so erzählt es die Familie, am Ende doch Arnold Osterhaus besorgt. Hermann selbst hat den Krieg nicht überlebt.

Es ist eine der stillen Szenen dieser Fluchtgeschichte: Ein Mann, dessen eigene Familie auf einem Schiff gestorben war, hilft dabei, zwei fremde Kinder auf ein Schiff zu bekommen.Mündliche Überlieferung eines Sohnes, 2026 — der Name und der Verwandtschaftsgrad sind nicht urkundlich bestätigt

Film zu dieser Zeit

Am Galgen vorbei — Dokumentation · 25 Minuten 50

Wie Walter Brandt im Januar 1945 in Elbing vor ein Standgericht der eigenen Leute geriet — und wie zwei Kinder aus Danzig herauskamen.

Quellen
  • Heiratsregister Standesamt Zoppot 1929 — Heiratsurkunde Nr. 102/1929 (Geburtsangabe des Bräutigams); Berufsangabe des Braeutigams, Heiratsurkunde Nr. 102/1929; Heiratsurkunde Nr. 102/1929, S. 204-205 (Urkunde)
  • Familienueberlieferung der vaeterlichen Linie — Mündliche Überlieferung 2026: „Der ist gar nicht mit dem Schiff — der musste ja seinen Dienst weitermachen.“; Mündliche Überlieferung 2026: über Dänemark zuerst in ein Gefangenenlager — nicht in sowjetische Gefangenschaft (Überlieferung)
  • invenio – Rechercheportal des Bundesarchivs — ZLA 1/15582161, Aktenzeichen M6649 (Schadensarten: Grundvermoegen, Landwirtschaftsvermoegen; Kreis und Gemeinde Elbing) (Sekundärquelle)
  • Danziger Einwohnerbuch (Adressbuch) mit Vororten und Zoppot — Adressbuch Elbing 1930: Walter Brandt, Schneidergeselle, Adlerstrasse 16 (Sekundärquelle)
  • Familienliste der Sterbe- und Geburtstage (Brandt/Liedtke) — Zeile 1: Walter Brandt, Todestag 22.3.1962, Geburtstag 14.8.1898 (Sekundärquelle)
  • Sterbeurkunde Nr. 148/1987, Standesamt Mönchengladbach (Margarete Martha Brandt geb. Westphal) — Sterbeurkunde seiner Frau vom 06.07.1987 bezeichnet sie als „Witwe von Walter Brandt“ — vereinbar mit dem Sterbejahr 1962 (Urkunde)
  • Personenstands-Zweitschriften der ehemaligen deutschen Ostgebiete (Standesamt I Berlin) — Nebenregister Heiraten Zoppot 1929, Nr. 102 (Zweitschrift) (Urkunde)

Bei seiner Hochzeit 1929 arbeitete Walter als Schneidergeselle und wohnte in Zoppot; seine Identitaet wurde 'durch das Aufgebot' festgestellt. Beide Eltern waren zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben. In den 1930er Jahren lebte die Familie im Raum Elbing/Ellerwald (Ostpreussen), von wo aus sie im Januar 1945 ueber die Ostsee floh.

Offene Fragen
  • Militärdienst im Ersten Weltkrieg (Jahrgang 1898, laut Familienüberlieferung) — in den digitalisierten Verlustlisten kein Treffer aus der Heimatregion; persönliche Dienstakten sind vermutlich 1945 beim Bombenangriff auf das Heeresarchiv Potsdam vernichtet worden.
  • Sterbeurkunde von Walter Brandt: Der Sterbetag ist seit August 2026 durch eine Familienliste bekannt (22. März 1962). Die Urkunde selbst liegt noch nicht vor — sie ist beim Standesamt Mönchengladbach jetzt gezielt bestellbar und nennt womöglich seine Eltern.

Diese Seite gehört zum Familienarchiv Unsere Spuren und wird aus dem Stammbaum erzeugt. Jede Angabe steht mit ihrer Quelle da; was unsicher ist, ist als unsicher gekennzeichnet. Wer Fotos, Briefe oder Korrekturen zu Walter Brandt hat, ist willkommen — Kontakt.