Odenkirchen
Der Gegenort zu Rheydt: dasselbe Bekenntnis, die andere Seite der Landesgrenze — und ein Verbot, das hundertachtundzwanzig Jahre lang in den Taufbüchern dieser Familie steht.
Wie diese Seite zu lesen ist
Der wichtigste Befund steht in den Taufeinträgen. Vor 1755 wurden die Kinder dieser Familie nicht in Odenkirchen getauft, sondern in Rheydt oder Wickrathberg — weil reformierte Handlungen am eigenen Ort verboten waren. Ab 1755 hört das schlagartig auf. Der Text erklärt, warum.
Jeder Balken ist ein Leben. Der Zeitstreifen zeigt, wer von der Familie wann in Odenkirchen gelebt hat. Gestrichelte Balken bedeuten, dass ein Sterbedatum fehlt und das Ende geschätzt ist.
Die Hofschaften stehen als eigene Orte. Mülfort, Geistenbeck, Sasserath, Krapohl, Bell und Ruhrfeld gehörten zu Odenkirchen, werden im Archiv aber getrennt geführt — zu finden in der Ortsübersicht.
Über lebende Personen steht hier nichts. Wer noch lebt, erscheint auf dieser Seite überhaupt nicht.
Die ganze Ortsgeschichte Odenkirchen als FließtextDerselbe Text wie oben — zum Lesen ohne die interaktive Ansicht, zum Ausdrucken und Durchsuchen. Dazu alle Personen des Ortes und die Quellen.
Odenkirchen
Der Gegenort zu Rheydt — dasselbe Bekenntnis, die andere Seite der Landesgrenze, ein völlig anderes Schicksal

Nach dem Abdruck bei Ekkehard Krumme, „Evangelische Gemeinde Odenkirchen 1532–1982“ (1982), S. 15. Bildbearbeitung: eigene Aufbereitung.
Der Ort und seine Herrschaft
Vier Kilometer, die alles entschieden
Odenkirchen ist nach Rheydt der zweitgrößte Ort dieses Archivs: gut 130 Personen, der älteste um 1525 geboren, der letzte Eintrag ein Sterbefall von 1923.
Zwischen beiden Orten liegen keine vier Kilometer — und trotzdem trennten sie Welten. Rheydt war eine eigene kleine Herrschaft, deren Herr selbst über den Glauben entschied. Odenkirchen gehörte über sechshundert Jahre lang zu Kurköln, also zum Erzbischof von Köln. Beide Orte wurden im 16. Jahrhundert reformiert. In Rheydt blieb es dabei. In Odenkirchen kamen 1627 Soldaten.
Diese Seite erzählt, was das für eine Familie bedeutete, die auf der falschen Seite der Grenze saß — und sie erzählt es nicht aus Geschichtsbüchern, sondern aus den Taufeinträgen dieses Stammbaums.
Eine Burg und ein Erzbischof
Erstmals genannt wird Odenkirchen am 9. Januar 1107. Die Siedlung wuchs ab dem 12. Jahrhundert um eine Burg der Herren von Odenkirchen, zunächst ein Holzbau; 1153 wird sie erstmals urkundlich erwähnt, und Kaiser Friedrich Barbarossa bestätigte dem Kölner Erzbischof die Eigentumsrechte an ihr.
Damit war die Sache für die nächsten Jahrhunderte entschieden: Kurköln blieb über 600 Jahre Landesherr und setzte Burggrafen als Lehnsträger ein. Ein Burggraf war kein Landesherr — er verwaltete, was einem anderen gehörte. Genau darin liegt der Unterschied zu Rheydt, wo Otto von Bylandt in seiner reichsunmittelbaren Unterherrschaft selbst der Herr war.
Das Wahrzeichen des Ortes, die katholische Pfarrkirche St. Laurentius, geht auf eine sehr alte Gemeinde zurück; das heutige Gebäude ist allerdings jung — ein neuromanischer Backsteinbau von 1891 nach Plänen des Kölner Architekten Franz Schmitz.
Die Hofschaften
Wie Rheydt war auch Odenkirchen kein geschlossener Ort, sondern eine Bürgermeisterei mit Hofschaften ringsum. Sie stehen im Archiv als eigene Orte:
Mülfort (23 Personen), Geistenbeck (14), Sasserath und Krapohl (je 7), Bell (5) und Ruhrfeld (3). Aus ihnen stammen die Steins, die Pots, die Vits und die Reuen — und sie erklären auch, warum die Wege zur Kirche unterschiedlich lang waren.
Eine Besonderheit hat Mülfort: Dort lag der Vicus Mülfort, eine römische Zivilsiedlung an der Niers und die erste größere Siedlung im heutigen Stadtgebiet — entstanden um 50 nach Christus, im 2. Jahrhundert einen Kilometer lang. Mehr dazu steht auf der Seite zu Pongs, wo ein römerzeitlicher Fund aus dem Umland dieser Siedlung beschrieben ist.
Die alte Herrschaft Odenkirchen war genauer gegliedert, als das Archiv es abbildet. Neben der Burg und der angrenzenden „Freiheit“ umfasste sie die Honschaft „das Endt“ — den östlich außerhalb der Freiheit gelegenen Teil des Ortes — sowie Bell, Mülfort, Sasserath (mit Mongshof und Goerdshof), Güdderath, Wetschewell-Hove, Ruhrfeld, Geistenbeck und Hockstein.
Von diesen neun taucht jede einzelne als Wohnort im Stammbaum auf — außer Güdderath. Dort hat bisher niemand aus diesem Archiv gewohnt. Dafür steht der Name an einer anderen Stelle: Am 21. Januar 1624 erhielt Johann am Pueth anderthalb Viertel Weizen aus der Armenkasse, ausgegeben „bey Petern im Weinhauß, und Hantz Guddereth“. Es ist die erste und bislang einzige Erwähnung dieser Honschaft in unseren Quellen — nicht als Wohnort eines Vorfahren, sondern als Herkunftsname eines Mannes, bei dem Arme ihr Korn abholten.
Glaube, Verbot und Rückkehr
Die Burggräfin, die den Calvinismus förderte
Auch in Odenkirchen kam die Reformation von oben. Ab 1532 gab es reformatorische Bestrebungen unter Burggraf Wilhelm III. von Vlodorp, und die Burggräfin Odilia von Boetzelaer förderte den Calvinismus nachdrücklich. Um 1570 hatte sich der reformierte Glaube calvinischer Richtung durchgesetzt, mit dem Heidelberger Katechismus als Grundlage.
Vierzig Jahre lang sah es also aus wie in Rheydt. Der Unterschied lag nicht im Glauben der Leute, sondern in der Rechtslage: Ein Burggraf konnte fördern, was ihm gefiel — aber er konnte es nicht schützen. Über ihm stand der Erzbischof von Köln, und der war katholisch.
1624 — was die Armenrechnungen festhalten
Drei Jahre bevor die Soldaten kamen, führte die reformierte Gemeinde Odenkirchen sorgfältig Buch darüber, wem sie half. Das Rechnungsbuch selbst ist verschwunden. Was blieb, ist ein beglaubigter Auszug — und der blieb nur, weil er als Beweisstück gebraucht wurde.
Vorgelegt hat ihn Godefridus Eilbracht, Pastor zu Wickrathberg. Er bezeugt mit eigenhändiger Unterschrift, der Auszug stamme aus den Armenrechnungen „meines Alt-Vattern Caspar Eilbracht“ — also seines Großvaters, die er selbst verwahre. Caspar Eilbracht war der reformierte Prediger, der Odenkirchen fünfundzwanzig Jahre lang betreute, bis 1627 seinem Wirken gewaltsam ein Ende gesetzt wurde. Ein Notar, Joh. Brewer, hat die Abschrift gegengezeichnet und sein Siegel daruntergedruckt. So etwas tut man nicht aus Frömmigkeit, sondern vor Gericht: Die Gemeinde prozessierte jahrzehntelang um das, was sie 1627 verloren hatte. Der Enkel legte das Buch des Großvaters als Beleg vor.
Das Ergebnis ist eine namentliche Momentaufnahme der Odenkirchener Unterschicht des Jahres 1624, wie es sie sonst für diese Zeit kaum gibt.
21. Januar 1624 — Weizen. Ausgegeben wird nicht im Pfarrhaus, sondern bei Leuten zu Hause. Deurgen Jacob bekommt zwei Viertel Weizen „bey Johann Reuen“, Leißgen des Gaten Frau eines ebenda. Johann am Pueth anderthalb Viertel „bey Petern im Weinhauß, und Hantz Guddereth“. Corst Werner eines bei Johann Bocks. Jergers Heinen Bielgen am Geistenbeck eines bei Kessel Hirmgen. Wer lesen will, wie das Dorf funktionierte, findet es hier: Die Armen holen ihr Korn bei den Bauern ab, die es gestiftet haben.
Das Jahr über wird gebacken. Am 10. Februar siebzig Brote aus zwei Malter Korn. Am 5. April neunundsechzig, eines der beiden Malter gestiftet von Johann Mager, der sich ausbedingt, wer davon bekommt — „vornemlich auf Johann Magers Anhalten“. Am 26. Juni vierundsechzig Brote, ein Malter davon „wegen eines Begräbnüß“. Am 12. Juli einundsiebzig. Am 7. Dezember dreiundsiebzigeinhalb, zusammengerechnet aus sechs übrig gebliebenen Broten, einem Malter vom Pastor und einem Fass aus der Kirchenrente.
Die Armenbüchse. Dreimal im Jahr wird sie im Beisein der Schöffen und des Pastors geöffnet und der Inhalt ausgezählt: am 24. April 99 Gulden 16½ Albus, am 4. September 94 Gulden 3 Albus. Davon gehen im April 78 Gulden 6 Albus hinaus, der Rest wandert zurück in die Büchse. Bezahlt werden auch Dinge, die man nicht erwartet: Arztlohn für „des langen Dhamen Kind“, Backlohn an Gordt Bauers Frau, und dem Zimmermann Meister Deiß seine Forderung wegen zweier Totenkisten.
4. September 1624 — die Liste. An diesem Tag stehen zweiundzwanzig Namen im Buch, jeder mit seinem Betrag. Deurgens Dielgen und Welscher Peter je vier Gulden, Peter Bungard zweieinhalb, die Stattheldersche zwei. Eva am Geistenbeck drei. Turcken Kinder fünf Gulden vier Albus — der höchste Einzelposten nach den Waisenkindern. Lang Dhamen Wittib zweieinhalb. Leisters Lehnen Waisenkinder sechs. Und immer wieder ein Kind ohne Namen, nur als „Schiepergens elendes Kind“ geführt, das bei jeder einzelnen Brotverteilung des Jahres zwei Brote bekommt.
Das Tuch vom Grab. Der letzte Eintrag ist der eindrücklichste. Auf dem Grab des verstorbenen Rentmeisters Hermann Holtmann hatte ein Tuch gelegen — viereinviertel Ellen. Es wird zerschnitten und verteilt: eine halbe Elle für Deurgens Bielgen, eine halbe für Welsche Ollet, eine halbe für Eva am Geistenbeck, für Turcken Kinder, für Schiepergens Fey, für Feyeleißken. Zweieinhalb Viertel für Leisters Lehnen Waisenkind, ebenso viel für Paulus Otte. Die Rechnung geht genau auf.
Und unsere Namen? Sie stehen darin — aber als Namen, nicht als Personen. Reuen, Steins, Mager, Flohen, Otte, Kessel: alles Familien, die in diesem Archiv vorkommen. Nur lässt sich kein einziger Eintrag mit einer Person unseres Stammbaums gleichsetzen. Der älteste Reuen hier ist 1610 geboren und wäre 1624 vierzehn gewesen — kein Hausherr, bei dem man Weizen ausgibt. Die Steins des Baums beginnen erst 1692. Bei den Flohen kommen wir am nächsten heran: Johann Flohen (1590–1659) und Peter Flohen (1560–1624) lebten genau dort und genau dann — aber der Mann im Register heißt Heyne.
Was das Dokument also zeigt, ist nicht unsere Familie. Es ist die Welt, in der sie lebte: dieselben Höfe, dieselben Nachnamen, dieselbe Kirchengemeinde, dieselbe Armenbüchse — drei Jahre, bevor alles zerbrach.
1627 — die Soldaten

1627, mitten im Dreißigjährigen Krieg, schickte der Kurfürst Soldaten nach Odenkirchen, ließ den Ort besetzen und den katholischen Gottesdienst wieder einführen. Reformierte Gottesdienste standen fortan unter Strafe. Es begann die Zeit, die in der Gemeindegeschichte bis heute ihren eigenen Namen trägt: die „Gemeinde unter dem Kreuz“ — 1627 bis 1755, hundertachtundzwanzig Jahre.
Rechtlich war die Sache eigentlich klar. Der Westfälische Friede von 1648 erkannte die Calvinisten als eigenes Bekenntnis an, und 1650 wurde die reformierte Gemeinde Odenkirchen ausdrücklich zu jenen gezählt, denen die öffentliche Religionsausübung zustand. Köln ignorierte das. Die reformierten Vorsteher klagten über Jahrzehnte vor dem Reichskammergericht — am Ort änderte sich nichts.
Was ein Verbot im Alltag heißt, steht nicht in den Akten. Es steht in den Kirchenbüchern.
Was 1627 sonst noch galt: das kurkölnische Hexenrecht
Der Kurfürst, der 1627 die Soldaten schickte, brachte nicht nur die Messe zurück. Er brachte auch sein Strafrecht mit — und das war zu dieser Zeit das härteste im Reich.
Am 24. Juli 1607 hatte Kurfürst Ferdinand von Bayern die kurkölnische Hexenprozessordnung unterzeichnet. Für Kurköln werden zwischen etwa 1446 und 1662 rund 2 100 Hinrichtungen angenommen, achtzig bis neunzig Prozent davon Frauen. Der Höhepunkt lag zwischen 1628 und 1630 — also in genau den Jahren, in denen Odenkirchen frisch besetzt war.
Wie das aussah, lässt sich zwanzig Kilometer östlich nachlesen, im ebenfalls kurkölnischen Amt Hülchrath. Dort sind für August bis Dezember 1629 und September bis Oktober 1630 dreizehn Frauen als Opfer eines Kettenprozesses bekannt — eine sagt unter der Folter die nächste an, und so fort. Schon 1590 hatte der Vogt zu Hülchrath eine Frau Gort geborene Eidam am 22. Dezember zum Feuertod verurteilt; ihre Angehörigen brachten eine erhebliche Summe auf und bestachen ihn, damit sie stattdessen enthauptet und normal begraben wurde. Nicht aus Milde: Wer als Hexe verbrannt wurde, zog die Verwandtschaft mit ins Gerede.
Für Odenkirchen selbst ist kein Prozess überliefert. Nicht bei Pauls, nicht bei Kemmerich, nicht in der Zeittafel des Heimatvereins. Auch das ist kein Freispruch — die Odenkirchener Gerichtsakten sind nicht gedruckt. Es ist der Stand dessen, was man von außen sehen kann.
Was dieses Archiv beitragen kann, ist die Gegenprobe von unten. Zweiundzwanzig Personen dieses Stammbaums lebten zwischen 1627 und 1631 in Odenkirchen. Bei sechzehn von ihnen ist die Konfession überliefert, und sie ist bei allen sechzehn evangelisch-reformiert. Kein einziger Katholik. Johannes Schmitz der Jüngere, damals um die vierzig. Anna Wimmers, neunundzwanzig. Görd am Baum und Johann Flohen, beide um 1590 geboren. Die zwölfjährige Cäcilia Kamphausen, die 1694 als alte Frau starb. Idgen Blinten, zweiundzwanzig.
Das macht aus keinem von ihnen einen Verdächtigen — dafür gibt es keinen einzigen Beleg, und diese Seite erfindet keinen. Es sagt nur, wo sie standen: reformierte Untertanen eines katholischen Kurfürsten, in dem Jahr, in dem er ihnen die Kirche nahm, und in den Jahren, in denen seine Kommissare am aktivsten waren. Es ist der genaueste Ort, an dem sich die große Geschichte und diese Namensliste berühren.
1687 — was sie ihnen nahmen
Sechzig Jahre nach der Besetzung war der Druck nicht kleiner geworden, sondern anders: kein Militär mehr, sondern Pfändung. Wer sich weigerte, zur katholischen Prozession Gras vor sein Haus zu streuen, wurde „gebrüchtet“ — mit einer Geldstrafe belegt. Wer nicht zahlte, dem holte der Gerichtsbote den Gegenwert aus dem Haus.
Am 15. November 1687 schaltete sich Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der Große Kurfürst, ein und legte dem Kölner Kurfürsten eine „Spezifikation dessen (an), was zu andiktierter Brücht ist weggenommen und abgepfändet worden“ vor. Diese Liste ist erhalten. Sie nennt Namen und sagt, was genau geholt wurde:
Heinrich Reuen — „sein Webgezeug ausgebrochen und weggeführt“. Das Webgezeug war der Webstuhl. Wer ihn verlor, verlor nicht einen Gegenstand, sondern seinen Beruf.
Bielgen Wolters, „eine gar alte Wittib“ — „ihren Kasten, zinnerne Schüssel und Stuhl weggenommen“.
Lüpgens Wittiben — 3 Malter Roggen; „die Kist mit einem Eisen aufgebrochen und ihr Leinwand daraus genommen, welche eine gar arme Wittib, mit viele kleine Kinder versehen“.
Wilhelm Schmitz — sein Pferd wollten sie mehrfach pfänden. Er flüchtete es den ganzen Winter nach Rheydt und trug ihm morgens und abends das Futter hin. „Weil sie das Pferd nicht finden können“, nahmen sie ihm „eine schöne Kuh“.
Peter Beckers — „sein Haus gar ausgeplündert“; seiner Schwester Annelies „ihre Kiste mit Leinen und Wolle, wie es darinnen gewesen, Alles weggezogen“.
Henrich Vollenbruck, „welcher mit 9 kleine Kinder versehen“ — 1 Malter 6 Scheffel Buchweizen.
Bernhard Camphausen, der Weinhauspächter — die Pacht gekündigt, das Haus zu räumen, die Küche im Wert von 13 bis 14 Reichstalern in Pfandschaft.
Dazu Johannes Quast, Daniel Deußen, Hermann Flohen, Wilhelm Steins, Peter Köllges, Peter Schiffers, Nelis Otten, Gört Baums, Jürgen Strommenger und weitere — Roggen, Gerste, Malz, Betten, Kessel.
Drei Männer dieser Liste sind Vorfahren dieser Familie: Heinrich Reuen (damals 28, der mit dem Webstuhl), Peter Köllges (34) und Wilhelm Schmitz (26, wenn es der Jüngere war — es lebten damals zwei gleichen Namens in Odenkirchen).
Am 21. April 1688 nahm man in Johann Lüngens Haus zu Wickrath auf, wer wegen des unterlassenen Grasstreuens bestraft worden war — mit Altersangaben: Adolf Printzen 74 Jahre, Thönis Baums 74, J. Meiners 72, Clas Pongs 70, Entgen Zimmermanns 66, Joh. Quast 61, Wilh. Mobach 61, Hans Reuen 60, Peter Kunkels 60, Engelbert Engels 60, Leonhard Coenen 60, Joh. Mickenschreiber 60, Zelis Zelissen 59, Johann Roleffs 56, Werner Dürselen 55, Niklas Gilgewer 54, Peter Jansen 53, Henr. Flohen 53, Joh. Mager 52, Lambert Scheven 52 und Feigen Meyers.
Die Ältesten standen dabei vorn. Und als Hendrich Franken nach der Plünderung nichts mehr hatte, streckte ihm der Älteste Johannes Quast drei Malter Roggen vor. Weil Franken nicht zurückzahlen konnte, beschloss das Konsistorium, dass Jan Weymers, Henrich Flohen, Jan Sasserath, Jürgen Strommenger, Caspar Quast und Tonnes Sasserath je ein halbes Malter übernehmen. Sechs, die für einen siebten einstehen — das ist die andere Seite dieser Liste.
Was die Taufeinträge verraten
Dieser Stammbaum enthält für die Zeit vor 1755 29 Taufen von Kindern, die in Odenkirchen oder seinen Hofschaften geboren wurden — und 28 davon fanden auswärts statt: 19 in Rheydt, 9 in Wickrathberg. Von 1654 bis 1752, fast hundert Jahre lang, mit einer einzigen Ausnahme, auf die am Ende dieses Abschnitts zurückzukommen ist.
Es blieb nicht bei den Taufen. Auch geheiratet wurde auswärts: Rund 35 Trauungen von Odenkirchenern sind vor 1755 in Rheydt oder Wickrathberg verzeichnet.
Drei Menschen aus diesem Baum stehen für alle:
Johann Schmitz, genannt Jan, Schmied in vierter Generation, geboren um 1621 in Odenkirchen: geheiratet am 14. Juli 1643 in Wickrathberg, konfirmiert am 12. Mai 1644 in Wickrathberg. Zwei der wichtigsten Tage seines Lebens, beide auswärts, weil sie ihm am eigenen Ort verboten waren.
Peter Vits, getauft im Januar 1720 in Wickrathberg — der Weg dorthin, mit einem Neugeborenen, im Winter.
Johannes Beckers heiratete im April 1752 in Wickrathberg die Mülforterin Margaretha Finken. Drei Jahre vor dem Religionsvergleich. Er hätte nur ein wenig länger warten müssen.
Die Entfernungen sind nicht dramatisch und waren es doch. Nachgemessen an den Ortskoordinaten: von Odenkirchen nach Rheydt wie nach Wickrathberg jeweils rund dreieinhalb Kilometer — eine knappe Dreiviertelstunde zu Fuß. Von Sasserath aus war Wickrathberg mit 1,9 Kilometern sogar der nächste reformierte Altar, von Geistenbeck waren es gut vier Kilometer. Keine Gewaltmärsche also — aber jede Strecke hin und zurück, bei jedem Wetter, mit einem wenige Tage alten Kind, und immer nur deshalb, weil die kürzeste Kirche verboten war.
Die eine Ausnahme: Ida Reuen ist 1682 in Odenkirchen selbst getauft — mitten in der verbotenen Zeit. Ob da eine katholische Taufe verzeichnet wurde, ob es eine heimliche Handlung war oder ob sich schlicht die Quelle irrt, ist offen — eine Frage, die im Original zu klären wäre.
1755 — und wie die Bücher umschlagen

Ende bereitete dem Zustand nicht das Reichskammergericht, sondern Friedrich II. von Preußen. Unter massivem Druck kam 1755 ein Religionsvergleich zustande: völlige Gleichstellung und die Trennung der reformierten von der katholischen Gemeinde. Der Kurfürst zahlte den Reformierten 11.000 Taler für den Bau einer eigenen Kirche, eines Pfarrhauses und einer Schule. Die Kirche, entworfen von François Soiron, wurde 1757 erstmals benutzt. Das Gemeindesiegel von 1755 trägt die Inschrift „Heller leucht ich fortan!“
Wie das aussah, ist überliefert. Innerhalb kürzester Zeit zimmerten die Odenkirchener aus Tannenbrettern eine 40 Fuß breite und 80 Fuß lange, strohgedeckte Notkirche. Dort fand am 20. März 1755 der erste öffentliche reformierte Gottesdienst seit 128 Jahren statt — vormittags predigte Pastor Bachoven aus Wickrathberg über den 30. Psalm, nachmittags der Rheydter Pastor Lauffs über den 100.
Der Süchtelner Reformierte Peter Dormel war an diesem Tag da und schrieb abends in sein Tagebuch:
„Es war eine große Menge Volks (da). Die Kirche war zu klein. (Der) dritte Theil (der) Leute konnte nicht dreinkommen; (sie mußten) draußen stehen; (sie) haben unter dem blauen Himmel müssen stehen; (sie) haben so öffentlich gesungen unter dem blauen Himmel, das meinen Geist so Freude hat erweckt, als man mit dem himmlischen Heer gesungen hätte. Das Singen haben sie eine Stunde weit gehört, zu Berg haben sie es gehört. … Danck sey dem Allerhöchsten, daß er die Reformirte vergönnet, wieder öffentlich zu lehren und zu predigen …“
„Zu Berg“ ist Wickrathberg — der Ort, zu dem die Odenkirchener 128 Jahre lang hatten laufen müssen, um überhaupt einen Gottesdienst zu erreichen. Jetzt hörte man sie dort singen.
An den Häusern hingen Kränze und Girlanden, über die Straßen waren Transparente gespannt. Auf einem stand: „Die Religion, welche unter dem Ehrwürdigen Pastor Caspar Eilbracht durch den dreißigjährigen Krieg unterdrückt und fast verwüstet ward (1627), ist durch die Gnade des Churfürsten Clemens August und Hülfe (des) Johann Grambusch, Königl. Preuß. Rath und des Eilbrachts Urenkel, wieder hergestellt worden (1755).“ — Caspar Eilbracht war der Prediger, dem man 1627 das Amt nahm. Johann Grambusch, der den Vergleich erstritt, war sein Urenkel. Vier Generationen einer Familie zwischen Verlust und Wiederherstellung.
Und die Namen stehen fest. Die Urkunde vom 7. März 1755 wurde gedruckt, samt den 215 Unterschriften der Hausväter. 84 davon sind Handzeichen — vier von zehn Unterzeichnern konnten nicht schreiben; der Setzer vermerkte hinter ihrem Namen „merckz.“ und ein Kreuz. Fünf Männer auf dieser Liste sind Vorfahren dieser Familie: Peter Brandt (mit Handzeichen) und sein Sohn Matthias Brandt (eigenhändig), Linerdt Steins aus Sasserath, der Weber Mattheis Quack und Wilhelm Brembdgens.
Am 26. März 1755 konstituierte sich das Konsistorium, am 6. Mai wählten 241 stimmberechtigte Hausväter ihren ersten eigenen Prediger: Gottfried Meinhard Wiedenfeld, eingeführt am 19. August 1755. Er diente der Gemeinde ein Vierteljahrhundert, bis er 1780 wegen Erblindung sein Pfarramt niederlegen musste.
Und nun das Bemerkenswerte: Von 1755 an ist in diesem Stammbaum keine einzige Ausweichtaufe mehr verzeichnet. Alle 16 Taufen von Odenkirchener Kindern nach diesem Datum fanden in Odenkirchen statt. Die erste am 18. Juli 1756: Anna Catharina Beckers — im ersten Sommer nach dem Vergleich und ein Jahr, bevor die neue Kirche überhaupt benutzbar war. Man wartete offenbar nicht auf das Gebäude, sondern nur auf die Erlaubnis.
Die Bücher kippen genau an der Jahreszahl. Wer wissen will, was ein Vertrag von 1755 im Leben einfacher Leute bedeutete, muss nicht die Akte lesen — es reicht, in dieser Familie die Spalte „Taufort“ von oben nach unten durchzugehen. 47 Personen dieses Baums haben den Religionsvergleich erlebt.
1755–1757 — sie bauen sich eine Kirche


Nach dem Vergleich ging es sofort los. Für die Fundamente rammte man schwere Eichenstämme in den sumpfigen Boden; die Ziegel brannte Odenkirchen selbst. Am 10. September 1755 legte Pastor Wiedenfeld den Grundstein, „unter den üblichen drei Hammerschlägen“ — ihm folgten das Presbyterium, die Frau Pastorin, die Lehrer „und eine lange Reihe von Gemeindegliedern“.
Und hier fährt die Familie mit. Den Werkstein für Sockel, Portal und Fenstergewände brach man in Liedberg; Odenkirchener Bauern holten ihn zwei- und dreispännig. Das Bauholz kam von einem Mainzer Händler per Schiff bis Neuss und von dort mit ihren Fuhrwerken zur Baustelle. Die Spanndienste ballten sich zwischen März und Juni 1756. Der Älteste und Kirchmeister Georg Strommenger hielt fest, dass am 15. Juni 1756 allein aus Sasserath und Mongshof zwanzig Pferde unterwegs waren.
Die 8000 Reichstaler aus der Vergleichssumme reichten nicht. Pastor Wiedenfeld reiste Ende 1755 mit einem Empfehlungsschreiben der Jülicher Provinzialsynode in die Niederlande und brachte über 5715 holländische Gulden mit. Daheim sammelte man dorfweise — und diese Liste liest sich wie das Ortsverzeichnis dieses Stammbaums:
Odenkirchen 223 Reichstaler 15 Stüber · Sasserath 188 · Mülfort-Bell 118 Rtlr. 15 Stbr. · Geistenbeck 87 Rtlr. 55 Stbr. Dazu von auswärtigen Glaubensgenossen: Köln 255, Aachen 83, Wickrath 56, Eupen 41, Mülheim am Rhein 29 Reichstaler.
28. Oktober 1757 — Einweihung. Wiedenfeld predigte über Psalm 93,5. Ins Hauptportal war schon 1756 der Segenswunsch aus Psalm 121 gemeißelt worden: „Der Herr behüte Deinen Eingang und Ausgang von nun an bis in Ewigkeit.“
Was da stand, war die räumlich größte reformierte Kirche, die im 17. und 18. Jahrhundert am Niederrhein gebaut wurde — und sie hatte etwas, das den anderen verwehrt war: einen hohen Glockenturm. Die reformierten Gemeinden des Jülicher Landes mussten schlichte „Predigthäuser“ errichten, manche sogar in Hofräumen versteckt. Erst die Franzosen brachten ihnen Türme und Dachreiter. In Odenkirchen war der Turm von Anfang an da, weithin sichtbar.
Innen war es eine Predigtkirche: die Kanzel über dem Abendmahlstisch an einer leicht ausschwingenden Schauwand, das Gestühl in U-Form, jeder Platz mit Blick auf den Prediger. Die Rokoko-Kanzel schnitzte 1755/57 ein Meister namens Adolph Busch für 72½ Reichstaler. Sie verbrannte am 31. August 1943.
Wer schreiben konnte
Die Vollmacht von 1755 verrät mehr als Namen. Von den 218 reformierten Unterzeichnern schrieben 132 ihren vollen Namen — 60 Prozent. Bei den 162 Katholiken waren es 43 Prozent. Der Unterschied ist der Ertrag einer Schultradition: Seit Calvin gehörten die Lehrer zu den vier Kirchenämtern.
Sie kostete etwas. Nach 1636 gab es in Odenkirchen keinen reformierten Unterricht mehr; die Familien gingen nach Rheydt und Wickrathberg — zum Gottesdienst und zur Schule. Deshalb wurde Leonhard Steins, in Sasserath geboren, am 9. November 1692 in Wickrathberg getauft. Sein Taufeintrag liegt vier Dörfer entfernt, weil daheim nichts erlaubt war.
In Sasserath hielten sie trotzdem Schule: Zenses Steins, geboren 1693, und sein Sohn Florentz, der 1755 die neue Hauptschule übernahm. Ein Jahr Altersunterschied zu unserem Leonhard, derselbe Weiler, derselbe Name — dass sie Brüder waren, liegt nahe, belegt ist es nicht.
Franzosen, Weber, Schmiede
1794 — die Franzosen, und vier Jahre ohne Ordnung
Vierzig Jahre nach dem Religionsvergleich verschwand die Obrigkeit, die ihn geschlossen hatte. 1794 besetzten französische Truppen das linke Rheinufer, der Kurfürst floh, und Odenkirchen wurde Teil des besetzten Landes zwischen Maas und Rhein. Nicht unter Napoleon — der stand zu dieser Zeit in Italien und übernahm die Macht in Paris erst 1799. Es war die Erste Französische Republik, die hier einmarschierte, und sie brachte für vier Jahre keine Zivilverwaltung mit, sondern eine reine Militärverwaltung. Erst 1798 schuf der Regierungskommissar Rudler das Roerdepartement, französische Gerichte, das Zivilstandsregister — und hob die Feudallasten auf.
Was dazwischen lag, steht in zwei Akten des Landesarchivs NRW. Im Juni 1795 wandten sich die Einwohner an die Republik — nicht gegen die Besatzer, sondern gegen ihren eigenen Vogt Aldenhoven: „Wir leben unterdrückt im Land der Freiheit selbst.“ Der Fall, den sie schildern, ist der einer mittellosen Witwe, die Dragoner abholten und achtzehn Stunden einsperrten, weil sie einen Fuhrdienst nicht bezahlen konnte. In der Akte heißt sie nur „die Wittib Reüen“ — nach dem Hof, auf dem sie saß. Es ist der einzige Familienname dieses Stammbaums, der in beiden Akten namentlich vorkommt; welche Frau gemeint ist, ist bis heute nicht geklärt.
Der Vogt bestritt nichts. Sein stärkstes Argument war, dass er sich beim französischen Ordonnanzkommissar Vaillant rückversichert hatte, ob er die alten kurkölnischen Frondienste weiter einfordern dürfe — und ein schriftliches Ja bekommen hatte. Die Republik, an die sich die Einwohner wandten, hatte die Zwangsarbeit selbst genehmigt.
Wie weit der Staat sich zurückgezogen hatte, zeigte sich in der Nacht vom 24. auf den 25. April 1797. Über vierzig bewaffnete Männer überfielen das Haus des Handelsmanns Pauen, nahmen dem Nachtwächter zuerst das Horn ab, fesselten ihn, besetzten alle Wege und die Kirchtürme doppelt, damit niemand Sturm läuten konnte — und zogen um ein Uhr nachts unter anhaltendem Schießen und dem Absingen der Marseillaise durch den Ort ab. Die Verwaltung in Bonn schrieb wenige Tage später, sie könne Leben und Eigentum der Landbevölkerung nicht mehr gewährleisten.
Vierzig Personen dieses Baums lebten in diesen Jahren nachweislich in Odenkirchen und seinen Honschaften — unter ihnen Johann Reuen, Adelheid Bremges, Mathias Vits, Adam Pots, Adam Steins und der fünfjährige Heinrich Potz. Namentlich genannt wird in den Akten keiner von ihnen. Was sie erlebt haben, ist trotzdem genau überliefert — nur eben aus der Feder derer, die schreiben konnten. Die ganze Geschichte erzählt der Film „Willkür statt Freiheit“.
1817 — eine andere Burg

Zum 300. Reformationsjubiläum regte der preußische König Friedrich Wilhelm III. 1817 an, Lutheraner und Reformierte in seinen Landen zu vereinigen. Die Odenkirchener traten dieser „Union“ noch im selben Jahr bei — ohne ihren reformierten Bekenntnisstand aufzugeben. Seither heißt sie Evangelische Gemeinde Odenkirchen.
Mit dem Namen legte sie auch ihr altes Siegel ab, die Kerze mit der Lichtputzschere von 1755. Das neue zeigt in der Mitte die Kirche, die sie sich nach dem Religionsvergleich gebaut hatte — das Bauwerk von François Soiron, 1757 erstmals benutzt. Als Umschrift wählten die Odenkirchener das Lutherwort aus dem 46. Psalm:
„EINE VESTE BURG IST UNSER GOTT“
Darin steckt eine Pointe, die man erst sieht, wenn man diese Seite von oben gelesen hat. Die Burg, um die der Ort entstanden war, gab es da längst nicht mehr. Sechshundert Jahre lang hatte sie bestimmt, wer in Odenkirchen etwas zu sagen hatte und welchen Glauben man haben durfte; 1627 kamen von dort die Soldaten. Übrig ist von der ganzen Anlage ein Torturm von 1734.
Die Gemeinde, die sie überstanden hat, setzt sich 1817 eine andere Burg ins Siegel — und ein Gotteshaus in die Mitte. Der Bau ist verschwunden, der Glaube nicht.
Der Engel auf dem Turm und die Glocke von 1757

Oben auf dem Turm saß kein Hahn, sondern ein Engel, der die Posaune bläst. Katholische Kirchen tragen in aller Regel den Hahn; Krumme hält es für gut möglich, dass die Reformierten sich bewusst unterscheiden wollten. Die barocke Gestalt lässt sich in die Mitte des 18. Jahrhunderts einordnen — sie könnte also von Anfang an dort gestanden haben.
1943 holte man ihn aus dem Brandschutt. Nach dem Wiederaufbau setzte man ihn zurück auf die Turmspitze, wo er heute noch steht.
Den Glocken erging es anders. 1757 kaufte die Gemeinde zwei Stück in Amsterdam, für 874 Reichstaler 30 Stüber. Die größere trug die Inschrift „Friede auf Erden“ und läutete fast hundertsechzig Jahre über Odenkirchen. Am 25. Juni 1916 rief sie zum letzten Mal zusammen — der Erste Weltkrieg forderte die Bronze.
Wenige Wochen später hing ein neues Geläut aus drei Gußstahlglocken. Die haben auch den Zweiten Weltkrieg überstanden und läuten bis heute. Auf der ersten steht:
„Eine feste Burg ist unser Gott!“
Dieselbe Zeile, die seit 1817 im Siegel steht. Die Burg war längst weg, der Satz wanderte vom Siegel auf die Glocke — und läutet weiter.
Vier Generationen Schmiede im Ruhrfeld
Der älteste namentlich fassbare Vorfahr des ganzen Stammbaums saß hier: Peter Schmitz, um 1525 geboren, Schmied im Ruhrfeld bei Odenkirchen. Über ihn ist eine Einzelheit überliefert, die weit zurückreicht: Er hatte den Schmitterhof vom Abt zu Mönchengladbach als Kurmundsgut in Besitz — ein grundherrliches Leihverhältnis, bei dem beim Tod des Inhabers eine Abgabe fällig wurde. Hofname und Familienname gehören zusammen: Wer auf dem Schmitterhof saß und schmiedete, hieß Schmitz.
Sein Sohn Johannes Schmitz der Ältere (um 1557–1624) brachte es zum Schmiedemeister — und saß von 1594 bis März 1624, also dreißig Jahre lang, als Schöffe am Gericht Odenkirchen. Dessen Sohn Johannes der Jüngere (um 1587–1639) war wieder Schmiedemeister in Ruhrfeld; in seine Ehejahre fällt 1627. Und dessen Sohn Johann, genannt Jan (um 1621 – um 1668), war der Vierte im selben Handwerk — der, dessen Hochzeit und Konfirmation in Wickrathberg stattfanden.
Vier Generationen, ein Hof, ein Handwerk, und mittendrin der Bruch von 1627.
Vom Acker an den Webstuhl
Bis ins 18. Jahrhundert war Odenkirchen ländlich: Ackerer, Halfmänner, Tagelöhner. 1776 gründete der Vogt Bouget die erste Fabrik für Seidenware am Ort. 1861 bestanden hier fünf Wassermühlen und 33 Fabriken mit 889 Webstühlen.
Diesen Weg gehen die Odenkirchener Vorfahren mit, und ihre Berufsangaben lesen sich wie eine Zeitleiste. Wilhelm Heinrich Weyers (1775–1835) und Gottfried Reuen (1781–1858) sind noch Ackerer. Adam Pots (1764–1834) wird als „Weber, Tagelöhner“ geführt und Johann Heinrich Vits (1782–1851) ebenso — beide Bezeichnungen zusammen, weil das eine allein nicht reichte. Adam Steins (1764–1834) und sein Sohn Johannes Steins (1802–1872) sind Weber in Mülfort, Heinrich Potz (1792–1858) Weber in Krapohl. Maria Elisabeth Muellers (1788–1838) ist als Spinnerin verzeichnet, Hermann Petin (1838–1923) als „Nachtwächter, Weber“.
Und am Ende dieser Reihe steht Helena Wallraff (1870–1913), in Odenkirchen geboren, Fabrikarbeiterin — der Punkt, an dem aus dem Weber am eigenen Stuhl eine Arbeiterin in fremder Halle geworden ist.
Stadt, Krieg, Gegenwart
Stadt 1856 — und dann eingemeindet
Die politische Geschichte des Ortes endet in einer Reihe von Zusammenschlüssen. 1794 bis 1814 gehörte Odenkirchen zu Frankreich (Arrondissement de Crévelt im Département de la Roer), 1814 fiel es nach dem Wiener Kongress an Preußen und wurde Bürgermeisterei im neuen Kreis Gladbach. 1856 erhielt die Gemeinde die Stadtrechte — im selben Jahr wie Rheydt.
1929 wurden Odenkirchen, Rheydt und München-Gladbach zur Doppelstadt Gladbach-Rheydt vereinigt. Die Trennung von 1933 machte das nur teilweise rückgängig: Odenkirchen blieb bei Rheydt. Seit 1975 ist alles zusammen Mönchengladbach.
Die letzten Odenkirchener Einträge dieses Archivs stammen aus dieser Zeit: Wilhelm Heinrich Kellers (1836–1923), in Rheydt geboren, wohnte 1916 in der Weststraße 56 und starb 1923 in Odenkirchen — als Bürger einer Stadt, die es seit sechs Jahren nicht mehr gibt.
1932 — was sie im Stehen bekannten
Am 15. und 16. Oktober 1932 feierte die Gemeinde zwei Jubiläen auf einmal: vierhundert Jahre Reformation in Odenkirchen und hundertfünfundsiebzig Jahre ihrer Kirche. Die Festpredigt hielt Generalsuperintendent Ernst Stoltenhoff — am 17. Januar 1879 in Odenkirchen geboren und inzwischen der höchste evangelische Geistliche der Rheinprovinz. Superintendent Becker berichtete ein halbes Jahr später der Kreissynode Gladbach darüber: Daß Odenkirchen „noch eine reformierte Gemeinde“ sei, sei überwältigend zum Ausdruck gekommen, als sich am Schluß der Feier die Gemeinde „wie ein Mann“ erhob und die erste Frage des Heidelberger Katechismus einmütig bekannte.
Diese Frage lautet: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ — und die Antwort beginnt: „Daß ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.“ Derselbe Text von 1563, den ihre Vorfahren auswendig konnten, als reformierte Gottesdienste hier verboten waren.
Ein Jahr später wurde er gebraucht. Der NS-Staat und die Deutschen Christen wollten das Führerprinzip auf die Kirche übertragen — Entscheidungen von oben statt gewählter Presbyterien. Für eine reformierte Gemeinde war das kein Verwaltungsstreit: Dass die Gemeinde ihre Ältesten selbst wählt, gehört bei ihr zum Bekenntnis. Am 7. November 1933 verwahrte sich das Odenkirchener Presbyterium einstimmig „im voraus gegen jede Beeinträchtigung der presbyterial-synodalen Rechte und Ordnungen“. Im Protokoll vom 12. April 1934 steht, woran festzuhalten sei: an der gewachsenen Ordnung „als einem heiligen Vatererbe, zu dem wir stehen und daran wir bekenntnismäßig gebunden sind“ — einer Ordnung, die „unter dem Kreuz“ verteidigt worden war. Die Gemeinde griff also selbst auf ihre Verfolgungszeit zurück.
Widerstand gegen die Diktatur war das nicht; man stritt kirchlich, nicht politisch. Aber in der Sache blieb sie bei ihrem Recht und behielt es: Das Verfahren, mit dem das Presbyterium sich selbst ergänzte, überdauerte die NS-Zeit und wurde nach 1945 in Odenkirchen wieder zur Regel.
31. August 1943
In der Bombennacht vom 30. auf den 31. August 1943, die Rheydt zu neunzig Prozent zerstörte, traf es auch Odenkirchen schwer: zu 70 Prozent zerstört, in Teilen total, über 100 Tote. Es war die größte Zerstörung, die der Ort je erlebt hat.
Unter den zerstörten Gebäuden war die reformierte Kirche von 1757 — jene Kirche, für die 1755 elftausend Taler gezahlt worden waren und auf die diese Familie hundertachtundzwanzig Jahre lang gewartet hatte. Sie wurde wieder aufgebaut und am 15. Juli 1950 neu eröffnet.
Zu diesem Zeitpunkt hatte die Familie Odenkirchen längst verlassen; die letzten hier verzeichneten Personen starben in den 1920er Jahren. Geblieben ist etwas anderes — die Konfession. Die reformierte Prägung der mütterlichen Linie stammt aus diesen Jahrhunderten, und sie hat den Ort überdauert.
Aus dem Archiv sind 76 Menschen mit eigener Seite hier geboren oder gestorben — nach Geburtsjahr geordnet.
- Peter Schmitz 1525–1585
- Johannes Schmitz 1557–1624
- Görd am Baum 1590–1663
- Anna Wimmers 1598–1657
- Thönis Am Baum 1620–1688
- Johann Schmitz 1621–1668
- Mergen Schmitz 1623–1684
- Joachim Reuen 1630–1699
- Anton Haupts 1633–1675
- Mercken Vits 1647–1683
- Hermann Dieker 1652–1712
- Peter Köllges 1653–1719
- Dilgen Baums 1657–1713
- Heinrich Reuen 1659–1711
- Wilhelm Schmitz 1661–1705
- Katharina Lüngen 1668–um 1741
- Tringen Morjan 1668–1710
- Wilhelm Haupts 1675–1718
- Christian Kaulen 1677–1761
- Johann Jansen 1677–1722
- Ida Reuen 1682–1732
- Katharina Otten um 1688–um 1757
- Peter Brand 1688–1768
- Adam MAAßEN 1689–1759
- Jacob Finken 1692–1771
- Catharina Printzen 1696–1762
- Gertrud Schmitz 1697–1720
- Wilhelmine Reuen 1697–1752
- Cornelius Quack 1700–1757
- Sophia Otten 1701–1778
- Anton Köllges 1702–1788
- Sibylla Heynen 1703–1759
- Georg Bredahl 1706–1750
- Heinrich Kaulen 1707–1740
- Lucia Lüpges 1707–1761
- Heinrich Weyers um 1710–um 1775
- Mathias Laufs 1712–1752
- Gottfried Dieker 1713–1775
- Adelheid Rolffs 1714–1766
- Maria Kaulen 1714–1756
- Maria Kehren 1715–1773
- Sophia Kaulen 1718–um 1774
- Katharina Adams 1719–1786
- Peter Vits 1720–1792
- Sibylla Baehren 1720–1794
- Sybilla Kaulen 1721–1796
- Matthias Kaulen 1725–1785
- Margaretha Finken 1729–1780
- Johannes Steins 1730–1772
- Matthias Quack 1731–1792
- Heinrich Köllges 1739–1811
- Johann Reuen 1740–1799
- Christina Köntges 1743–1796
- Helena Tillenberg 1744–1800
- Wilhelm Schmitz 1745–1787
- Johanna Brandt 1746–1788
- Adelheid Bremges 1752–1841
- Hermann Wilhelm Laufs 1752–1804
- Anna Sophia Lobes um 1760–1830
- Gertrud Vits 1761–1838
- Wilhelm Eßer 1762–1796
- Adam Pots 1764–1834
- Anna Katharina Iser 1772–1860
- Werner Steins um 1775–1843
- Gottfried Reuen 1781–1858
- Johann Heinrich Vits um 1782–1851
- Eva Kaulen 1783–1865
- Maria Elisabeth Muellers 1788–1838
- Johann Reuen 1805–1865
- Heinrich Potz 1815–1887
- Anna Sophia Baehren 1816–1888
- Rosetta Potz 1829–?
- Wilhelm Heinrich Kellers 1836–1923
- Anna Gertrud Weyers 1839–1916
- Julie Kellers 1869–1928
- Helena Wallraff 1870–1913
- Odenkirchen — Wikipedia — Ersterwähnung 09.01.1107, Burg 1153 und Barbarossa, Kurköln als Landesherr, Wilhelm III. von Vlodorp und Odilia von Boetzelaer, Soldaten 1627, Stadtrechte 1856, St. Laurentius 1891, erste Seidenfabrik 1776, 33 Fabriken 1861, Zerstörung 31.08.1943
- Historie — Evangelische Kirchengemeinde Odenkirchen — Reformation ab 1532, Heidelberger Katechismus um 1570, „Gemeinde unter dem Kreuz“ 1627–1755, Ausweichen nach Rheydt und Wickrathberg, Klagen vor dem Reichsgericht, Religionsvergleich 1755, Kirche von François Soiron 1757, Gemeindesiegel „Heller leucht ich fortan!“, Zerstörung 1943 und Wiedereröffnung 15.07.1950
- Odenkirchen — Verwaltungs- und Wirtschaftsgeschichte (DeWiki) — Franzosenzeit 1794–1814, Preußen ab 1814, Bürgermeisterei im Kreis Gladbach, Stadtrechte 1856, Gladbach-Rheydt 1929, Verbleib bei Rheydt 1933, Mönchengladbach 1975, fünf Wassermühlen und 33 Fabriken 1861
- Westfälischer Friede 1648 und Anerkennung von 1650 — Anerkennung der Reformierten, Zuordnung der Gemeinde Odenkirchen 1650 zur öffentlichen Religionsausübung — von Kurköln nicht befolgt
- Frank Heidermanns, Ahnendatenbank (heidermanns.net) — die Odenkirchener Linien, Schmitz im Ruhrfeld, Ämter am Gericht Odenkirchen
- Aufstellungen der Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde (WGfF), Bezirksgruppe Mönchengladbach — Steins-, Pots- und Bähren-Linien mit Tauf-, Trau- und Konfirmationsorten
- Kirchenbücher Rheydt und Wickrathberg (über die genannten Aufstellungen ausgewertet) — 28 Taufen und rund 35 Trauungen von Odenkirchenern vor 1755 auswärts; ab 1755 keine Ausweichtaufe mehr
- Kartenaufnahme der Rheinlande 1801–1828 (Tranchot/von Müffling), Geobasis NRW — Kartenausschnitt, Datenlizenz Deutschland Zero 2.0
- Peter Arnold Heuser, „Die kurkölnische Hexenprozessordnung von 1607“ — Entstehung und Wirkung der Prozessordnung vom 24. Juli 1607; Grundlage der Angaben zum Amt Hülchrath 1629/30
- Hetty Kemmerich, „Hexenprozesse am Niederrhein“ (Chronik 1074–1738) — Chronik und Einzelschicksale, nach Jahren und Orten sortiert; Hülchrath 1590 und 1629/30. Odenkirchen kommt darin nicht vor.
- Amt Hülchrath — Wikipedia — Kurkölnische Verwaltungseinheit mit fünf Dingstühlen; Odenkirchen gehörte nicht dazu, sondern war eigene Unterherrschaft
- Zeittafel Odenkirchen — Heimatverein Odenkirchen 1951 e. V. — Beginn der evangelischen Gemeinde 1532, reformierte Prediger bis 1627, Jan von Werth 1643–1652, Beschießung der Burg 1689
- Eigener Stammbaum — Personen, Konfessionen, Berufe, Lebensdaten, Tauf- und Trauorte
- Ekkehard Krumme, „Evangelische Gemeinde Odenkirchen 1532–1982“ (1982), S. 42–45 — Faksimile des beglaubigten Auszugs aus dem Odenkirchischen Armen-Register. Die hier wiedergegebenen Angaben beruhen auf unserer eigenen Abschrift des gemeinfreien Drucks; der Wortlaut von 1624 ist nicht urheberrechtlich geschützt.
- Ekkehard Krumme, „Evangelische Gemeinde Odenkirchen 1532–1982“ (1982) — S. 46–62: Verfolgungszeit, Spezifikation der Pfändungen von 1687, Altersliste vom 21. April 1688; S. 63–67: Religionsvergleich von 1755. Abschriften und Zuordnungen: eigene Arbeit.
- Ekkehard Krumme, „Evangelische Gemeinde Odenkirchen 1532–1982“ (1982), S. 131–137 — Kapitel III,1 „Die Gemeinde im Kampf um die Erhaltung der presbyterial-synodalen Ordnung“: Jubiläum vom 15./16. Oktober 1932, Presbyteriumsbeschlüsse vom 7. November 1933, 12. April 1934 und 8. Mai 1934. Krummes ungedruckte Grundlage sind die Protokollbücher des Presbyteriums (Archiv der Ev. Kirchengemeinde Odenkirchen, A 1,9 und A 1,10). Zitate kurz und mit Nachweis; der Heidelberger Katechismus von 1563 ist gemeinfrei.